Lesen als queere Praxis?

Sprache vernetzt Menschen und eröffnet Möglichkeiten, um neue Perspektiven einzunehmen, Gedankenschlösser zu bauen und das vermeintlich natürlich Gegebene zu dekonstruieren. Literatur kann inspirieren, ablenken, bereichern, sensibilisieren, zum Spüren anregen.

Für meinen persönlichen Weg war Literatur ein zentraler Teil meiner Politisierung, schon seit meiner Jugend. Viele schemenhaft in mir bereits aufblitzende Gedanken und Begehren wagte ich erst dann zu Ende zu denken oder zu fühlen, als ich es aus jemensch anderes Feder gelesen und dort wiedergefunden hatte. Auch für eine Selbstverortung in puncto Queerness tat Literatur für mich ihren Beitrag und war stets wichtige Begleiterin in Zeiten der (Selbst-)Entdeckung.

Von besonderer Bedeutung ist für mich die Fähigkeit der Literatur, Sichtbarkeit herzustellen. Sichtbarkeit von marginalisierten oder von als Abweichungen markierten Lebensrealitäten und/oder Personen(-gruppen), von vergessenen, minderrepräsentierten oder unterschätzten Perspektiven oder von historischen Kontexten.

Wissend, dass Literatur nicht für alle zugänglich und damit nur begrenzt ein Beitrag für ein gutes Zusammenleben für alle sein kann, ist sie gleichzeitig für mich ganz klar ein Werkzeug zur Befreiung, zur Bildung, zur Politisierung, für Inspiration und zur lustvollen Hingabe. Hier entstanden und entstehen für mich Räume des, mitunter auch schmerzhaften, Herausgefordert-Werdens und des Lernens ebenso wie Schonräume, die mich stärken und aufrichten, meinen Blick weiten oder neu ausrichten. Damit ist für mich Literatur (auch) queere Praxis.

Und wie genau dieser Prozess für mich funktioniert, wo er mich bereichert, bewegt oder stolpern lässt, soll durch das Blog-Projekt hier, durch queergelesen, dokumentiert und geteilt werden.

Auf ein intentionales, lustvolles und widerständiges Lesen!