Erotisch, politisch, solidarisch: Selten hat mich eine Textsammlung so berührt wie die von Joan Nestle in „Begehren und Widerstand“.
In den von Johanna Davids, Desz Debrecent, Sabine Fuchs, Anna Kuntze und Bettina Wind im Verlag „etece buch“ übersetzten Texten der in den USA lebenden Autorin taucht Joan in Fragen zu Queerness, ihrer jüdischer Identität, zu ihrer Beteiligung in der Schwarzen Bürger*innenrechtsbewegung, ihrer Zugehörigkeit zur Working-Class und dem, auch davon geprägten, Verhältnis zu ihrer Mutter bishin zu erotischen Erzählungen zu lesbischer Sexualität tief in ihre Lebensgeschichte ein. Dabei sind Joan Nestles Texte auch ein Stück Geschichte des queeren und linken Widerstands und der intersektionalen Solidarität.
So viel vorweg: Ich durfte mit Joan Nestles „Begehren und Widerstand“ in mein Lesejahr 2025 starten, und ihre Erzählungen, in dieser großartigen Übersetzung, sind seither unangefochten in meinem Stapel an liebsten Büchern zu finden. Was lässt sich zu dieser beeindruckenden Textsammlung und der Autorin selbst sagen? Dieser Blogbeitrag soll einen Einblick geben.
Joan Nestle wurde 1940 in New York City als Tochter einer jüdischen Frau aus der Arbeiter*innenklasse geboren, bezeichnet sich selbst als Fem und verbrachte schon in jungen Jahren viel Zeit in politischen Bewegungen, queeren Bars und in den Armen queerer Frauen. Als Mitbegründerin des Lesbian Herstory Archives leistet(e) sie einen wichtigen Beitrag zur Archivierung queerer Geschichte – und schenkt uns in diesem Buch einen Einblick in ihre eigene Geschichte, in der sie als Zeugin etwa der Vorkommnisse und polizeilichen Schikanen in den 60er Jahren in den queeren Bars von New York City queeren Widerstand sprachlich festhält.
Indem in Joan Nestles Texten sichtbar wird, dass – natürlich – auch in vorangegangenen Generationen queere trans- und sex-work-inklusive, sowie antirassitische, und damit intersektionale Kämpfe gemeinsam beschritten wurden, entstand für mich eine Ermutigung auch für aktuelle politische Kämpfe. Joan Nestle vermochte mir in diesen Texten das Erkennen der Kontinuität von queeren und linken Widerstandskämpfen, ihrer historischen Verankerung und Kontextualisierung und damit einer Stärkung meiner eigenen Zugehörigkeit zu politischen Bewegungen zu geben. Insbesondere in einer Historie der Auslöschung queerer Geschichten und eines daraus entstanden Mangels an Sichtbarkeit von queeren Ahn*innen sind die Texte von Joan Nestle genau das, was oft so schmerzhaft zu vermissen ist und was nun, mit diesem Buch in Händen, ein Stück weniger schmerzhaft vermisst werden muss.
Dabei tippt Joan zahlreiche Fragen an und scheut auch vor komplex verstrickten Themenfeldern mit ihren klugen Einordnungen nicht zurück. Besonders bewegt haben mich Joans Auseinandersetzungen etwa zu Butch-Fem-Beziehungen, zur Schwesternschaft zwischen lesbischen Personen und Sexarbeiter*innen, oder auch zum Spannungsfeld, das zwischen queeren akademischen Diskursen einerseits und dem gleichzeitigen Anspruch von Inklusivität sowie Sichtbarkeit von Menschen und Lebensrealitäten, die mitunter auch mit existentielleren Fragen als beispielsweise jenen von Sprachlichkeit beschäftigt sind oder die sich weniger in Sphären von formaler Bildungsnähe aufhalten, andererseits, entsteht.
Unbeirrbar sucht Joan Nestle in ihren Texten Wege der Empathie, der politischen Kontextualisierung, des Widerstands und der Solidarität in all diesen Aspekten menschlicher Beziehungen und gesellschaftlicher Verhältnisse. Das hat mich tief beeindruckt.
Dass in Joan Nestles Worten dabei lesbische Sexualität, neben auch anderen Themen, den Raum bekommt, den sie verdient, schätze ich an der Auswahl der Erzählungen und an Joans Auseinandersetzungen sehr und verleiht den Texten einige Stellen voller sinnlicher, fast poetischer Sprache. Teil dieser Textstellen sind vor allem erotische Erzählungen von Joan zu lesbischen Begegnungen, von denen eine sprachliche Leuchtkraft ausgeht, die die leidenschaftliche Lebendigkeit gelebter queerer Sexualität fast körperlich spürbar macht.
Joan Nestle verpasst in all ihrem politischen Positioniert-Sein nicht, in flammenden Plädoyers auch eine Einladung für das Nachkommen junger Stimmen und das Aufrechterhalten von linken Widerstandskämpfen auszusprechen und damit diese Kämpfe sich in weitere Generationen fortführen zu lassen. Ein, auch selbstkritischer, Blick auf die stetige Notwendigkeit der Weiterentwicklung emanzipatorischer Ideen ist dabei Teil ihrer Haltung. Eben dieses Abstandnehmen von einer Selbstgerechtigkeit den eigenen politischen Überzeugungen gegenüber empfand ich als sehr anregend in diesen aktuell so aufgeladenen Zeiten und lassen mich in großer Bewunderung für Joan Nestle zurück.
Nicht zuletzt hat mir Joan Nestle in ihren Texten, die mit ihren Positionen nach wie vor aktuelle Diskurse mit ihren von Empathie getragenen Einordnungen berührt, nachdrücklich die Bedeutung von Gemeinschaft vor Augen geführt und mich nachspüren lassen, wie bedeutungsvoll die Verbundenheit mit queeren Vorfahr*innen und die Solidarität mit politischen Mitkämpfer*innen im Jetzt ist. Joan Nestles Erzählungen sind in diesem Sinne ein kostbares Geschenk zwischen lesbischem, linkem Empowerment und politischem Aktivismus.

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