„Muskeln aus Plastik“ von Selma Kay Matter, erschienen bei Hanser Berlin, befand sich bereits einige Zeit auf meiner Leseliste und davor mehrfach in Buchhändlungen abwägend in meinen Händen, bevor ich das Buch tatsächlich besorgte und schließlich zu lesen begann – und selbst dann noch brauchte ich ein wenig, bis ich mich ganz auf die Texte einlassen konnte. Als ich mich dann aber eingefunden hatte, konnte ich das Buch nicht mehr weglegen; es hat einige meiner Perspektiven nochmal wild auf den Kopf gestellt, inspiriert und erweitert. Hier will ich davon erzählen.
Im Buch geht es um Kay und den Versuch eines Zurechtfindens mit Post-Covid (ME/CFS) als chronische Erkrankung und Behinderung, sowie eines Sich-Selbst-Findens in der eigenen Transness und den Einflüssen dieser Verhältnisse auf Freund*innenschaften, Dating, Sex, Fürsorge und die eigenen Bedingungen eines guten Lebens.
Die ungeschönte, intime Auseinandersetzung mit Schmerz und Erschöpfung sprengte beim Lesen schmerzhaft alle (meine) able-bodied Selbstverständlichkeiten und verhandelt Fragen von Transness, Behinderung, Care, von Freiwilligkeit und Grenzachtung als Privilegien, und vieles mehr. Das alles passiert in einer genre-bending Gestaltung der Texte: Irgendwo zwischen wissenschaftlicher Abhandlung, einem „ich zeig dir mal, was ich Spannendes gelesen/Berührendes erfahren habe“, zwischen Poesie, kurzgeschichtlich und mitunter fiebrig anmutenden Anekdoten und einer den Text durchziehende Storyline. Dabei sind die Texte in ihrem unverstellten Blick auf die Verhältnisse eines Lebens mit chronischer Erkrankung politisch, radikal und wild, und durchzogen von queerer Fürsorge und dem Versuch von queeren Freund*innenschaften, die sich einer Marktlogik von Geben und Nehmen entziehen.
Je weiter das Buch voranschreitet, desto tiefer wurde ich in den Strudel all dieser Fragen gezogen. Das Buch fesselte mich an seine Seiten, schlug mir gleichzeitig auf den Magen, erzeugte in Folge einige intensive Terrassen-Gespräche und wirkte noch lange in mir nach.
Dabei wechselt das Buch sprachlich zwischen Deutsch und einzelnen englischen Abschnitten, die in Fußnoten übersetzt werden und hinterließ bei mir das Gefühl, Kay Matter bei einer unfassbar intimen eigenen Auseinandersetzung begleiten zu dürfen – irgendwo zwischen Schmerz, Einsamkeit, Liebe, Frustration, Hoffnung und queer joy.
Ich konnte neue Perspektiven auf Neid als durch gesellschaftliche Unzumutbarkeiten erzeugt gewinnen, auf Grenzensetzen und Autonomiebestrebungen als able-bodied und maskulin konnotiertes Privileg, das den needs von Personen, die für die basics ihres Überlebens auf Unterstützung angewiesen sind, gegenübersteht, und auf die Angst vor den körperlichen Einschränkungen in der Zeit nach gender-affirming OPs von trans Personen als, bei genauerer Betrachtung, ableistisch – oder mindestens unzumutbar für die einer*m gegenüber sitzende, chronisch kranke Person. Dabei sucht der Text und seine Protagonst*innen mutig immer weiter danach, die Gräben, die zwischen verschiedenen Privilegien, Herausforderungen und Bedürfnissen entstehen können, zu schließen und in Fürsorge füreinander umzuwandeln, ohne dabei beschönigend zu werden.
Fast poetisch muten die Auseinandersetzungen mit Schmerz als etwas, für das es keine Mitteilungsmöglichkeit oder Sprache gibt, und das darin immer Isolationsgefühle auslöst, an. Auch Fragen rund um Pflegearbeit und die (Un-)Möglichkeit von Freiwilligkeit in diesem Kontext lösten viele weiterführende Gedanken in mir aus: Care Arbeit als zumindest teilweise inhärent unfreiwillig ist demnach fast eine Voraussetzung, damit Pflege für alle zugänglich ist – denn wer von wem freiwillig(e) Fürsorge erhält, hängt ebenfalls an diversen Privilegien. Und all diese Aspekte sind, etwa auch neben einer Auseinandersetzung mit crip time, nur wenige Ausschnitte aus all den Themen, die in diesem kaum über 200-seitigen Buch ihren Platz finden – was für ein Schatz von Lektüre!
„Muskeln aus Plastik“ hat mich politisiert, mich noch kritischer auf Leistungsgesellschaft, den Umgang mit Behinderung und Schmerz und auf die Bedeutung von care und von (queeren) chosen families blicken lassen. Dieses Buch hat mein bisherigen Lesejahr sehr bereichert. Und besonders schön: Kay wird, wie inzwischen öffentlich ist, auch beim Bachmannpreis 2025 in Klagenfurt weitere Worte von sich mit uns teilen!

Hinterlasse einen Kommentar