„Verwildern“

„Verwildern“ von Douna Loup, aus dem Französischen übersetzt von Steven Wyss und mit einer, wie ich finde, wunderschönen Covergestaltung erschienen bei Limmat, war eines meiner überraschenderen Lesevergnügen im vergangenen Sommer 2024. Kaum hätte ich erwartet, dass mich dieser Roman innerlich so still lassen und gleichzeitig ein Fließen in mir anstoßen würde, das mich klarer, aufmerksamer und ruhiger auf meine Umgebung blicken lassen würde.

Mehrfach wurde das Buch seitdem von mir verborgt und empfohlen, und gerade lese ich das Buch zum zweiten Mal (genau genommen lese ich es, als Audio-Lesung für einen wichtigen Menschen, vor), und so viel sei gesagt: mehrfaches Lesen geschieht bei queergelesen nicht allzu häufig, besagt also nur Gutes über den erfahrenen Lesegenuss. Wie gelingt es der Geschichte, die Douna Loup erzählt, (mich) so zu verzaubern?

Im Buch begleiten wir ein Mädchen, und später, eine junge Frau auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden, bei der Suche ihres Bruders, beim Versuch des Annäherns und sich Ablösens zur Mutter, beim Entdecken der Welt und vor allem der sie umgebenden Natur und der Liebe, sowie beim Finden ihrer Wurzeln.

Ich war begeistert von der kraftvollen Sprache, den für mich so schönen Naturbeschreibungen und der Poesie, die sich durch den gesamten Text zieht. In Douna Loups Worten finden sich ein großes Vertrauen ins Leben und eine Weisheit im Blick auf die Geschehnisse des Lebens, die an mancher Stelle zwar mitunter nahezu verklärt empfunden werden könnten, die ich jedoch als weichen und zuversichtlichen Ausflug in eine Welt, in der Vieles gut ist und ohne größeres Stolpern geschehen darf, sehr genoss.

Verwoben ist im Buch auch eine queere Liebesgeschichte, ohne dass dieser Sachverhalt allerdings besonders explizit besprochen werden würde. Die Geschichte darf sich einfach entspinnen und ist in der Selbstverständlichkeit des Erzählens darüber für mich überraschend und fast heilsam. Auch die beschriebenen Szenen an geteilter Intimität zwischen den jungen Liebenden zeigte in der Uneindeutigkeit – oder eben in der Deutlichkeit jener Uneindeutigkeit – der Geschlechterverhältnisse für mich einen (ent-)spannenden und erfrischend neuen Blick auf geschriebene Sexualität.

Sinnlichkeit, die findet sich allerdings auch noch an ganz anderer Stelle, nämlich in all den Beschreibungen von Natur und darin, wie diese Natur die Sinne der Protagonistin erreicht und mit ihr – ihrem Wesen, ihrer sinnlichen Wahrnehmung – in Kommunikation geht. Diesen Aspekt mochte ich an vielen Textstellen sehr.

„Verwildern“ ist ein Buch, das ich im Sommer verorte, weshalb ich es nun, inmitten des Juni, auch hier auf dem Blog zu besprechen plante; das jedoch genauso gut sicherlich jede andere Jahreszeit versüßen oder in ruhigere (Gedanken-)Bahnen lenken und guttun kann.

Eine Geschichte über das Sich-Selbst-, Andere- und Die-Welt-Entdecken und über das dabei In-Kontakt-Sein mit der umgebenden Natur, dem eigenen Fließen und dem gegenwärtigen Moment. Und ein Buch, das zum Schwelgen und zum Vertrauen in all die Abzweigungen des Lebens als Heranwachsende*r einlädt.

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar