„Daily Soap“

Nora Osagiobare hat uns Leser*innen mit ihrem Buch „Daily Soap“ einen bissigen, witzigen, polemischen und zwischen den Zeilen hoch gesellschaftskritischen satirischen Text geschenkt. Der Roman, bei Kein&Aber erschienen, war mir in diesem Jahr ein großes Frühlings-Lesevergnügen, und ich konnte ihn seither diversen anderen Menschen in die Hand drücken und sie ebenfalls für den Text begeistern.

In „Daily Soap“ geht es um die beinahe inzestuösen Doppelt- und Dreifach-Verstrickungen zwischen zwei Familien bzw. mehreren Romanfiguren, die sehr verschieden und doch auch in Teilen nicht zu unähnlich sind. Dabei ist der Text in Dynamik und Inhalt an die Erzählweise von Reality-TV angelehnt, die Geschichte strotzt vor absurden Wendungen, und Richtig und Falsch treten zugleich bizarr hervor und verschwimmen ineinander – welch Erzähl-Magie! Nicht nur wir als Lesende einer an Reality-TV angelehnten Geschichte, sondern auch die Protagonistin Toni verliert sich dabei nur zu gerne in ihrer „Daily Soap“.

Trotz der Überspitztheit der Charaktere – viele davon, wie auch wir in der nicht-fiktiven Welt, von Diskriminierung betroffen – erschienen mir die verschiedenen Protagonist*innen an keiner Stelle als unterkomplex gezeichnet und ich empfand eine diebische Freude dabei, die diversen Verstrickungen zwischen den Romanfiguren zu entwirren. Mein Glück, dass ich das Buch zu zweit lesen durfte und in den ersten Seiten von „Daily Soap“ eine, ebenfalls nicht unironische, Zusammenfassung der Romanfiguren aufgelistet ist.

Auf einer Metaebene sind in meiner Wahrnehmung vor allem die Themen Rassismus, Klassismus, Queerfeindlichkeit und Sexismus diejenigen, die Nora Osagiobare in der Geschichte spielend auseinander nimmt und in ihrer Absurdität vorführt. Für mich stellte das Buch eine Geschichte zum Lachen, Ärgern, Weinen und Staunen dar. Trotz des zynischen Humors, der sich durch die gesamte Geschichte zieht, ist das Buch darin auch sehr ernsthaft – so manches Lachen bleibt einer*m im Halse stecken. In diesem Sinne ist „Daily Soap“ für mich Unterhaltungslektüre; allerdings Unterhaltungslektüre mit Bildungsauftrag, der ganz unerwartet von hinten um die Ecke kommt – ein wahrer Genuss und ein schonungsloser Spiegel, der einer*m damit vorgehalten wird: Hier kommt niemensch allzu gut weg, und das ist im Sinne der Sache auch gut so.

Im Hinblick auf den Verlauf der Story habe ich insbesondere jene Wendung, die die Geschichte gegen Ende nimmt, nicht kommen sehen. Dieser Teil stellte für mich, neben auch anderen grandiosen Wendungen, eine gelungene Überraschung und, wie ich finde, einen schlauen Zug in der Erzählweise dar, die es lohnend macht, das Buch zu lesen.

Nicht immer finde ich einen leichten Zugang zu Satire, die mir oft zu überspitzt, zu vereinfacht oder „zu grell“ ist – in dieser Geschichte jedoch war es mir eine herrliche Freude, wie klug und schamlos der Text die Lächerlichkeit der Menschlichkeit und der längst veralteten, und doch weiterhin nicht überholten Machtungleichheiten aufzeigt. Dass Satire so treffend und so erschütternd, und dabei gleichzeitig witzig sein kann, war eine eindrucksvolle Erkenntnis, die diese Geschichte mir geben konnte. Für mich gelang es Nora Osagiobare unfassbar gut, die Dinge, trotz Überspitzung, unglaublich präzise auf den Punkt zu bringen und Sachverhalte ebenso wie menschliche Beziehungen oder gesellschaftliche Strukturen und Verhältnisse genau dort zu treffen, wo es weh tut. Welch ein Genuss.

Zum Ende meiner Lektüre stelle ich mir vor, wie ich mit der Autorin bei einem Heißgetränk in der Sonne sitze und Neuigkeiten aus der Nachrichtenlandschaft und den alltäglichen Geschehnissen in einer Welt voller Diskriminierung, Ungerechtigkeit, Lächerlichkeiten und Liebe in einem Gespräch austausche, das vor Zynismus nur so trieft. Ich denke, für mich wäre das ein großer Spaß und, neben all der Unerträglichkeit und des damit verbundenen Weltschmerzes zu vielen dieser Verhältnisse, in Teilen sogar heilsam.

Für mich ist „Daily Soap“ ein mutiges Buch, ein lehrreiches und ein sehr überraschendes Buch. Und vor allem: Ein, trotz all dieser auch drückenden Themen, sehr unterhaltsames Buch.

Schon nächste Woche liest Nora Osagiobare auf der Lesebühne des Bachmannpreis in Klagenfurt und ich kann kaum erwarten, mehr zu hören und zu lesen!

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