Wohl eines der wichtigsten Bücher meiner Lektüreliste, das ich uneingeschränkt allen empfehle, weil es, so glaube ich, die Kraft hat, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, würden diese Geschichte alle in ihren Bücherregalen finden: „Prima Facie“ von Suzie Miller, übersetzt von Katharina Martl und beim Kjona Verlag erschienen problematisiert das juristische System rund um die Aufarbeitung und Verurteilung von sexualisierten Gewaltstraftaten – und das verpackt in einer Geschichte, aus deren Sog ich mich nur schwer lösen konnte, die mich emotional unfassbar nah an die Figuren ranholen konnte und mit einer eindringlichen Anschaulichkeit erzählt, die mich nach Luft schnappen ließ. Nicht nur das: Auch die Themen Bildungsaufstieg und Klassismus werden darin betrachtet und das Patriarchat im Großen und Ganzen wird, ganz nebenbei oder in Abschnitten auch durchaus explizit, in seinem Wirken sichtbar gemacht und problematisiert.
Im Roman geht es um Tessa, die sich aus einer sozioökonomisch benachteiligten Familie mit großteils alleinerziehender Mutter auf eine der renommiertesten Universitäten zu einem der prestigeträchtigsten Jobs hocharbeitet: den der Strafverteidigerin. In Zeitsprüngen erzählt erfahren wir im Laufe der Geschichte von Tessas sozialen Herkunft, die sie dabei oft fehl am Platz, befremdet oder schlichtweg unsicher fühlen lässt. Zugleich prägt ihre Leidenschaft für ihren Beruf ihre Arbeitstage zwischen all den Kolleg*innen aus seit vielen Generationen akademisierten und wohlhabenden Familien – Tessa will unbedingt dazugehören.
Für Tessa sind Gerichtsverfahren, in denen sie ihre Klient*innen vertritt, lediglich „juristisches Spielereien“, die sie auf Basis kluger Strategie gewinnen kann, oder, an schlechten Tagen, eben nicht. Tessa sieht sich dabei einerseits in keinerlei sozialen Verantwortung, wenn Angeklagte freigesprochen werden, entwirft sich zugleich jedoch als Retterin der sozial Benachteiligten und glaubt daran, dass jede*r ihre exzellenten Leistungen als erstklassige Strafverteidigerin verdient und sie damit durchaus ihren Beitrag zu einer gerechten Welt tut.
Unter ihren Klient*innen sind auch Menschen, die, mitunter zum wiederholten Male, für Sexualstraftaten angeklagt sind. Die Kläger*innen und Zeug*innen zerpflückt Tessa auch in diesen Fällen gnadenlos in ihren Aussagen und lauert auf Lücken in deren Berichten. Eine Ambivalenz entfaltet sich vor den Augen der Leser*innen, wenn Tessa daraus folgend in ihrem Tagesgeschäft mutmaßliche Sexualstraftäter (hier bewusst in männlicher Form) raushaut und gleichzeitig nachts im Club die Praktikantin aus den Armen eines übergriffigen Typen holt und voller Verachtung auf ihn blickt. All das wird fast wie nebenbei erzählt und darf mensch als Leser*in für sich selbst einordnen, während sich diese Gleichzeitigkeiten unübersehbar, jedoch unkommentiert, immer weiter ausbreiten.
Zugespitzt wird alles, als Tessa selbst in die Lage gerät, Überlebende einer Vergewaltigung zu sein. Nach und nach entspinnt sich daraus eine Art „Seitenwechsel“, als Tessa im Rahmen der Aufarbeitung und Anzeige ihrer eigenen Gewaltwiderfahrnisse das Wirken des Gesetzes in diesem Kontext als den Überlebenden unwürdig, nicht fair und fehleranfällig erkennt. Denn, so ihre, jetzt neue Eigenerfahrung: Die juristischen Anhörungen der Überlebenden von Vergewaltigungen entsprechen a priori nicht dem, wie solche Geschehnisse überhaupt erzählt werden können; solcherlei Erinnerungen sind häufig nicht lückenlos und schlüssig nachvollziehbar zu berichten.
Dieser Wandel von Tessa wird so ungeschönt und anschaulich, mit all den zugehörigen Zweifeln und Ambivalenzen und inklusive der inneren Zerreißprobe in Abgleich mit Tessas bisherigen beruflichen Vermächtnis beschrieben, dass mensch als Leser*in nicht anders kann, als in diesem Erkenntnisprozess ganz nah bei ihr zu sein – so zumindest meine Leseerfahrung. Es geht um Glaubwürdigkeitskonflikte, victim blaming, Verrat sowie Solidarität im Umfeld, Kolleg*innen- und Freund*innenkreis, um Beweislast und um die Unmöglichkeit einer, vermeintlich objektiven Einschätzung, ja, sogar einer angestrebten Wahrheit, zu Schuld und Gerechtigkeit.
Doch auch soziale Scham und die Einsamkeit und das Zwischen-den-Welten-stehen, des ein Bildungsaufstieg nach sich zieht, wird intensiv verhandelt: Wer „Prima Facie“ liest (und das sei an dieser Stelle dringlich empfohlen!), die*der achte auch auf das, was ich hier das „Strandtaschen-Motiv“ und das „Pinke-Blusen-Motiv“ nennen möchte – und werde staunen, wie anschaulich sich darin zeigt, wie stark soziale Codes wirken und wie viel implizites Wissen, darunter soziales, kulturelles, aber nicht zuletzt auch ökonomisches Kapital es benötigt, sich derer zu bedienen. Immer noch erschaudere ich angesichts der Kraft der beiden genannten Bilder und hatte an vielen Stellen dieser Motive im Roman Momente des Erkennens auch aus meiner Geschichte mit diesem so beladenen Thema des Bildungsaufstiegs.
Während „Prima Facie“ in der Überschneidung und dem Zusammenwirken von Klassen- und Geschlechterverhältnissen beinahe als Lehrbuch für Intersektionalität gelesen werden kann, fehlten in Bezug auf etwa race, Queerness oder Be_hinderung in meiner Wahrnehmung die intersektionalen Bezüge – was ich jedoch in diesem Fall als nachvollziehbar wahrnehme, da es mit Tessa als Protagonistin nunmal um eine, soweit sich das aus der Geschichte erkennen lässt, weiße, nicht be_hinderte, heterosexuelle cis Frau handelt, um deren konkrete Geschichte mit sexualisierter Gewalt es eben geht. Trotzdem hätte ich mir an mancher Stelle eine kritischere Einordnung etwa zur Position von Beamt*innen gewünscht, die beispielsweise für weiße, gebildete Frauen wie Tessa im Rahmen der Meldung und Aufarbeitung von Vergewaltigungsfällen potentiell eine andere Rolle einnehmen können, als diese es mitunter für nicht weiße Betroffene tun. Rund um die Fragen „Wer gilt bei wem in welchem Kontext als glaubwürdig?“ und „Welches und wessen Wissen und Leiden zählt?“ können hier sicherlich weitere Geschichten anschließen, die, wenn reich an unterschiedlichen Perspektiven und möglichst vielstimmig, das Bild vollständiger zu machen vermögen – vielfach gibt es diese Geschichten bereits.
„Prima Facie“ ist, als die Geschichte, die es ist, wahrlich keine leichte, und trotzdem eine so gute und wichtige Lektüre, dabei so fesselnd und bedeutsam, dass ich es jeder*m in die Hand drücken möchte, die*der gerade die Kraft hat, sich mit sexualisierter Gewalt auseinanderzusetzen.
Und wer nicht lesen möchte: Am Schauspielhaus Graz konnte ich schon im vergangenen Jahr die Theaterinszenierung zum Roman besuchen, die nach einer Inszenierung von Anne Bader, deutsch von Anne Rabe, dort stattfand und mich damals schon, auch in dieser Kunstform, tief berührt hat. Eine Empfehlung also in jeder verfügbaren Vortrags- und Rezeptionsform!

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