Autor: queergelesen

  • Sommerlektüre 2025: Beendete Bücher im Juli und August 2025

    Sommerlektüre 2025: Beendete Bücher im Juli und August 2025

    9 Kalenderwochen, 14 beendete Bücher: In diesem Blogbeitrag folgt ein Rückblick auf alle Bücher, die ich im Juli und August 2025 beendet habe – also meine gesamte Sommerlektüre des Jahres (die Bücher aus dem Frühsommer, im Juni, finden sich im Halbjahresrückblick 2025), inklusive meiner Sternenbewertung, die anzeigen soll, wie sehr mich persönlich die Lektüre abholen und bewegen konnte.

    Für die Rezensionen zu einzelnen Büchern gilt auf queergelesen die Regel, nur 4 oder 5 von 5 Sterne Bücher zu rezensieren, weil der Blog zum Teilen meines persönlichen Begeistert-Seins von Büchern gedacht ist und ich hier meine Schätze ans Herz legen will (wobei jede Sternenbewertung notwendigerweise verkürzt und hoch subjektiv ist – für ausführlichere Besprechungen gibt eben jene Rezensionsbeiträge, die sich einzelnen Büchern widmen). In den Leserückblicken hingegen sammeln sich, in Jahreszeitencluster geteilt, alle Bücher, die ich im betreffenden Zeitraum gelesen oder gehört habe – auch jene, denen ich weniger Sterne geben würde oder Bücher, die inhaltlich vielleicht nicht ganz typisch für die sonstige Buchauswahl für Blogbeiträge auf queergelesen sind. Hier findet sich also ein umfassender Einblick zu meiner gesamten Sommerlektüre, sortiert nach Beendigungsdatum, ab Juli.

    UNTER GRUND. Annegret Liepold (2025). 3/5 Sterne.

    WOMEN. Chloe Caldwell (2025). Übersetzt von Simone Jakob. 4/5 Sterne.

    GRETA & VALDIN. Rebecca K Reilly (2025). Übersetzt von Jasmin Humburg. 4/5 Sterne.

    HAUS FEUER KÖRPER. bless the daughter raised by a voice in her head. Warsan Shire (2022). Übersetzt von Muna AnNisa Aikins, Mirjam Nuenning, Hans Jürgen Balmes, Charlotte Milsch. 5/5 Sterne. Ein Gedichtband, sprachlich wie inhaltlich gleichzeitig schwer und unfassbar weich – hier gibt es sehr, sehr viel Wertschätzung für Warsan Shires Worte; einiges von Warsan Shires Weltschmerz schwingt in mir nach.

    SUNBURN. Chloe Michelle Howarth (2025). Übersetzt von Karoline Hippe. 5/5 Sterne. Der perfekte summer read – ich konnte richtig gut abtauchen!

    STRONG FEMALE CHARACTER. Mein Leben zwischen Sexismus und Autismus. Fern Brady (2024). Übersetzt von Doreen Reeck. 4/5 Sterne

    ICH ERTRINKE IN EINEM FLIEHENDEN SEE. Anna Melikova (2024). Übersetzt von Christiane Pöhlmann. 3,5/5 Sterne.

    FRÜHE PFLANZUNG. Anna Ospelt (2023). 4/5 Sterne.

    WURZELSTUDIEN. Anna Ospelt (2020). 3/5 Sterne.

    NICHT NUR MÜTTER WAREN SCHWANGER. Unerhörte Perspektiven auf die vermeintlich natürlichste Sache der Welt. Hrg.: Alisa Tratau (2020). 3/5 Sterne.

    AN RÄNDERN. Angelo Tijssens (2024). Übersetzt von Stefanie Ochel. 3/5 Sterne.

    ZU DEN WIESEN. Susann Probst, Yannic Schon (2024). 4/5 Sterne.

    MUTTERMILCH. Melissa Broder (2021). Übersetzt von Karen Gerwig. (Hatte ich vor Jahren schonmal gelesen). 3,5 Sterne.

    PRIMA FACIE. Suzie Miller (2024). Übersetzt von Katharina Martl. 5/5 Sterne – soooo gut, nachzulesen im zugehörigen Blogbeitrag.

    HAUS FEUER KÖRPER. bless the daughter raised by a voice in her head. Warsan Shire (2022). Übersetzt von Muna AnNisa Aikins, Mirjam Nuenning, Hans Jürgen Balmes, Charlotte Milsch. S. Fischer.

    SUNBURN. Chloe Michelle Howarth (2025). Übersetzt von Karoline Hippe. Pola.

    PRIMA FACIE. Suzie Miller (2024). Übersetzt von Katharina Martl. Kjona.

    Zu den Sternebewertungen sei nochmals einordnend gesagt: Diese können immer nur Momentaufnahmen dessen sein, welche Themen mich im jeweiligen Moment berühren, wie die Bücher sich in meine subjektive Erfahrungswelt einbetten und zu welchem Zeitpunkt mich die Texte treffen. Jede Bewertung kann immer nur eine hoch individuelle und vom Lesemoment beeinflusste eigene Einschätzung sein und soll nichts über einen vermeintlich existenten allgemeinen, objektiven Wert der Bücher aussagen – denn in jedem Buchprojekt steckt eine ganze Welt und das Herz einer oder mehrerer Personen, die es geschrieben und übersetzt hat/haben. Es ist unmöglich, dass alle Lesenden zu jedem Lebensabschnitt und jeder Tagesverfassung Zielgruppe aller Bücher sind.

  • „Prima Facie“

    „Prima Facie“

    Wohl eines der wichtigsten Bücher meiner Lektüreliste, das ich uneingeschränkt allen empfehle, weil es, so glaube ich, die Kraft hat, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, würden diese Geschichte alle in ihren Bücherregalen finden: „Prima Facie“ von Suzie Miller, übersetzt von Katharina Martl und beim Kjona Verlag erschienen problematisiert das juristische System rund um die Aufarbeitung und Verurteilung von sexualisierten Gewaltstraftaten – und das verpackt in einer Geschichte, aus deren Sog ich mich nur schwer lösen konnte, die mich emotional unfassbar nah an die Figuren ranholen konnte und mit einer eindringlichen Anschaulichkeit erzählt, die mich nach Luft schnappen ließ. Nicht nur das: Auch die Themen Bildungsaufstieg und Klassismus werden darin betrachtet und das Patriarchat im Großen und Ganzen wird, ganz nebenbei oder in Abschnitten auch durchaus explizit, in seinem Wirken sichtbar gemacht und problematisiert.

    Im Roman geht es um Tessa, die sich aus einer sozioökonomisch benachteiligten Familie mit großteils alleinerziehender Mutter auf eine der renommiertesten Universitäten zu einem der prestigeträchtigsten Jobs hocharbeitet: den der Strafverteidigerin. In Zeitsprüngen erzählt erfahren wir im Laufe der Geschichte von Tessas sozialen Herkunft, die sie dabei oft fehl am Platz, befremdet oder schlichtweg unsicher fühlen lässt. Zugleich prägt ihre Leidenschaft für ihren Beruf ihre Arbeitstage zwischen all den Kolleg*innen aus seit vielen Generationen akademisierten und wohlhabenden Familien – Tessa will unbedingt dazugehören.

    Für Tessa sind Gerichtsverfahren, in denen sie ihre Klient*innen vertritt, lediglich „juristisches Spielereien“, die sie auf Basis kluger Strategie gewinnen kann, oder, an schlechten Tagen, eben nicht. Tessa sieht sich dabei einerseits in keinerlei sozialen Verantwortung, wenn Angeklagte freigesprochen werden, entwirft sich zugleich jedoch als Retterin der sozial Benachteiligten und glaubt daran, dass jede*r ihre exzellenten Leistungen als erstklassige Strafverteidigerin verdient und sie damit durchaus ihren Beitrag zu einer gerechten Welt tut.

    Unter ihren Klient*innen sind auch Menschen, die, mitunter zum wiederholten Male, für Sexualstraftaten angeklagt sind. Die Kläger*innen und Zeug*innen zerpflückt Tessa auch in diesen Fällen gnadenlos in ihren Aussagen und lauert auf Lücken in deren Berichten. Eine Ambivalenz entfaltet sich vor den Augen der Leser*innen, wenn Tessa daraus folgend in ihrem Tagesgeschäft mutmaßliche Sexualstraftäter (hier bewusst in männlicher Form) raushaut und gleichzeitig nachts im Club die Praktikantin aus den Armen eines übergriffigen Typen holt und voller Verachtung auf ihn blickt. All das wird fast wie nebenbei erzählt und darf mensch als Leser*in für sich selbst einordnen, während sich diese Gleichzeitigkeiten unübersehbar, jedoch unkommentiert, immer weiter ausbreiten.

    Zugespitzt wird alles, als Tessa selbst in die Lage gerät, Überlebende einer Vergewaltigung zu sein. Nach und nach entspinnt sich daraus eine Art „Seitenwechsel“, als Tessa im Rahmen der Aufarbeitung und Anzeige ihrer eigenen Gewaltwiderfahrnisse das Wirken des Gesetzes in diesem Kontext als den Überlebenden unwürdig, nicht fair und fehleranfällig erkennt. Denn, so ihre, jetzt neue Eigenerfahrung: Die juristischen Anhörungen der Überlebenden von Vergewaltigungen entsprechen a priori nicht dem, wie solche Geschehnisse überhaupt erzählt werden können; solcherlei Erinnerungen sind häufig nicht lückenlos und schlüssig nachvollziehbar zu berichten.

    Dieser Wandel von Tessa wird so ungeschönt und anschaulich, mit all den zugehörigen Zweifeln und Ambivalenzen und inklusive der inneren Zerreißprobe in Abgleich mit Tessas bisherigen beruflichen Vermächtnis beschrieben, dass mensch als Leser*in nicht anders kann, als in diesem Erkenntnisprozess ganz nah bei ihr zu sein – so zumindest meine Leseerfahrung. Es geht um Glaubwürdigkeitskonflikte, victim blaming, Verrat sowie Solidarität im Umfeld, Kolleg*innen- und Freund*innenkreis, um Beweislast und um die Unmöglichkeit einer, vermeintlich objektiven Einschätzung, ja, sogar einer angestrebten Wahrheit, zu Schuld und Gerechtigkeit.

    Doch auch soziale Scham und die Einsamkeit und das Zwischen-den-Welten-stehen, des ein Bildungsaufstieg nach sich zieht, wird intensiv verhandelt: Wer „Prima Facie“ liest (und das sei an dieser Stelle dringlich empfohlen!), die*der achte auch auf das, was ich hier das „Strandtaschen-Motiv“ und das „Pinke-Blusen-Motiv“ nennen möchte – und werde staunen, wie anschaulich sich darin zeigt, wie stark soziale Codes wirken und wie viel implizites Wissen, darunter soziales, kulturelles, aber nicht zuletzt auch ökonomisches Kapital es benötigt, sich derer zu bedienen. Immer noch erschaudere ich angesichts der Kraft der beiden genannten Bilder und hatte an vielen Stellen dieser Motive im Roman Momente des Erkennens auch aus meiner Geschichte mit diesem so beladenen Thema des Bildungsaufstiegs.

    Während „Prima Facie“ in der Überschneidung und dem Zusammenwirken von Klassen- und Geschlechterverhältnissen beinahe als Lehrbuch für Intersektionalität gelesen werden kann, fehlten in Bezug auf etwa race, Queerness oder Be_hinderung in meiner Wahrnehmung die intersektionalen Bezüge – was ich jedoch in diesem Fall als nachvollziehbar wahrnehme, da es mit Tessa als Protagonistin nunmal um eine, soweit sich das aus der Geschichte erkennen lässt, weiße, nicht be_hinderte, heterosexuelle cis Frau handelt, um deren konkrete Geschichte mit sexualisierter Gewalt es eben geht. Trotzdem hätte ich mir an mancher Stelle eine kritischere Einordnung etwa zur Position von Beamt*innen gewünscht, die beispielsweise für weiße, gebildete Frauen wie Tessa im Rahmen der Meldung und Aufarbeitung von Vergewaltigungsfällen potentiell eine andere Rolle einnehmen können, als diese es mitunter für nicht weiße Betroffene tun. Rund um die Fragen „Wer gilt bei wem in welchem Kontext als glaubwürdig?“ und „Welches und wessen Wissen und Leiden zählt?“ können hier sicherlich weitere Geschichten anschließen, die, wenn reich an unterschiedlichen Perspektiven und möglichst vielstimmig, das Bild vollständiger zu machen vermögen – vielfach gibt es diese Geschichten bereits.

    „Prima Facie“ ist, als die Geschichte, die es ist, wahrlich keine leichte, und trotzdem eine so gute und wichtige Lektüre, dabei so fesselnd und bedeutsam, dass ich es jeder*m in die Hand drücken möchte, die*der gerade die Kraft hat, sich mit sexualisierter Gewalt auseinanderzusetzen.

    Und wer nicht lesen möchte: Am Schauspielhaus Graz konnte ich schon im vergangenen Jahr die Theaterinszenierung zum Roman besuchen, die nach einer Inszenierung von Anne Bader, deutsch von Anne Rabe, dort stattfand und mich damals schon, auch in dieser Kunstform, tief berührt hat. Eine Empfehlung also in jeder verfügbaren Vortrags- und Rezeptionsform!

  • Halbjahresückblick: Das queergelesen Halbjahr 2025

    Halbjahresückblick: Das queergelesen Halbjahr 2025

    26 Kalenderwochen, 25 gelesene und gehörte Bücher: Der August ist schon über der Hälfte, und doch möchte ich an dieser Stelle über meine Lektüre in der ersten Jahreshälfte berichten. In diesem Blogbeitrag werde ich daher alle Bücher, die ich im Zeitraum von 1. Jänner bis 30. Juni 2025 beendet habe, inklusive meiner persönlichen Sternebewertung, auflisten.

    Für ausführliche Rezensionen zu einzelnen Büchern habe ich mir bisher die Regel auferlegt, nur Bücher, die ich mit 4 oder 5 von 5 Sternen bewerte, zu rezensieren – immerhin soll hier jene Literatur ihren Platz finden, die mich besonders berührt und die ich gerne weiter empfehle. Im Halbjahresrückblick finden sich allerdings auch ein paar Bücher, denen ich 3 oder 2 von 5 Sternen geben würde – und Bücher, die inhaltlich vielleicht nicht ganz typisch für die sonstige Buchauswahl für Blogbeiträge auf queergelesen sind. Zusätzlich mischen sich gelesene und gehörte Bücher. Hier gibt es also den umfassenderen Einblick zu allem, was das erste Lesehalbjahr 2025 für mich herzugeben hatte – als großen Überblick und inklusive Sternebewertung und in meiner Lesereihenfolge.

    Gelesen und beendet im (späten) Winter (Jänner und Feber 2025)

    JOAN NESTLE. BEGEHREN UND WIDERSTAND. Übersetzt von Johanna Davids, Desz Debreceni, Sabine Fuchs, Anna Kuntze, Bettina Wind (2024). Dieses Buch wurde hier schon in einem eigenen Beitrag besprochen: Unhinterfragt 5/5 Sterne und eines meiner bisherigen Highlights!

    Gelesen und beendet im Frühling (März bis Mai 2025)

    PARABOLIS VIRTUALIS 2. Neue, queere Lyrik. Hrg.: Anna Hetzer, Kevin Junk, Biba Nass (2022). 4/5 Sterne.

    ELTERN WERDEN. Gedanken über die verrückteste Sache der Welt. Hrg.: Kati Hertzsch (2025). 5/5 Sterne – Eine vielseitige Antologie, dich mich sehr berührt und eingesogen hat.

    SCHREIB DEN NAMEN MEINER MUTTER. Evan Tepest (2024). 3/5 Sterne.

    LESBEN SIND DIE BESSEREN VÄTER. Regenbogenfamilien als Vorbild für gleichberechtigte Elternschaft. Lisa Bendiek (2025). 5/5 Sterne – diese Lektüre hat mich ermutigt, begeistert, empowert und inspiriert, es war mir ein Fest!

    DAILY SOAP. Nora Osagiobare (2025). 5/5 Sterne – zu dieser schillernden Geschichte habe ich bereits im Blogbeitrag geschrieben, dass ich verliebt bin.

    HEY GUTEN MORGEN, WIE GEHT ES DIR?. Martina Hefter (2024) – Hörbuch. 3/5 Sterne.

    UND ALLE SO STILL. Mareike Fallwickl (2024) – Hörbuch. 4/5 Sterne.

    ALLES DAZWISCHEN, DARÜBER HINAUS. Maë Schwinghammer (2024). 5/5 Sterne – in diesem Text konnte ich mich selbst finden und verlieren.

    HALBINSEL. Kristine Bilkau (2025) – Hörbuch. 4/5 Sterne.

    IN IHREM HAUS. Yael van der Wouden (2025). Übersetzt von Stefanie Ochel. 5/5 Sterne – diese Geschichte ist wohl eines meiner Jahreshighlights. Nach dem sich der erste Teil für mich etwas gezogen hatte, hat mich der weitere plot auf viele Weisen überrascht, verzaubert und mitgerissen.

    VORDENKERINNEN. Vier Erzählungen. Simone de Beauvoir, Selma Lagerlöf, Annemarie Schwarzenbach, Charlotte Perkins Gilman (2024). Übersetzt von Francis Maro, Uli Aumüller, Christian Detoux. 2/5 Sterne.

    MUSKELN AUS PLASTIK. Kay Matter (2024). 5/5 Sterne – mehr dazu, warum ich diesen Text so anregend und wichtig fand, liest mensch im zugehörigen Blogbeitrag.

    ÜBERGANGSRITUS. Gedichte und Prosa. Abdalrahman Alqalaq (2024). 3/5 Sterne.

    WILD WUCHERN. Katharina Köller (2025) – Hörbuch. 4/5 Sterne.

    DIE JÜNGSTE TOCHTER. Fatima Daas (2024). Übersetzt von Sina de Malafosse. 4/5 Sterne.

    SONNENHANG. Kathrin Weßling (2025) – Hörbuch. 3/5 Sterne.

    Gelesen und beendet im Frühsommer (Juni 2025)

    AUF ALLEN VIEREN. Miranda July (2024). Übersetzt von Stefanie Jacobs. 4/5 Sterne.

    ZUNGENBRECHER. Karina Papp (2025). 4/5 Sterne.

    MIT DIR, DA MÖCHTE ICH IM HIMMEL KAFFEE TRINKEN. Sarah Lorenz (2025) – Hörbuch. 3/5 Sterne.

    HEIßE MILCH. Deborah Levy (2020). Übersetzt von Barbara Schaden. 3/5 Sterne.

    LEBENSVERSICHERUNG. Kathrin Bach (2025). 4/5 Sterne.

    VERWILDERN. Douna Loup (2024). Übersetzt von Steven Wyss. 5/5 Sterne – das war mein zweites Mal mit diesem Schatz an Literatur, und das will was heißen, weil hier üblicherweise kaum doppelt gelesen wird. Mehr dazu im Blogbeitrag zum Buch.

    HUNCHBACK. Saou Ichikawa (2025). Übersetzt von Katja Busson. 3,5/5 Sterne.

    MAMA, BITTE LERN DEUTSCH. Tahsim Durgun (2025) – Hörbuch. 4/5 Sterne.

    Insgesamt ergibt sich daraus für 26 Kalenderwochen eine Bücheranzahl von 25 gelesenen Büchern.

    Die queergelesen Highlights (5/5 Sterne) aus diesem ersten Lesehalbjahr hier nochmal zusammengefasst:

    Joan Nestle. Begehren und Widerstand. Übersetzt von Johanna Davids, Desz Debreceni, Sabine Fuchs, Anna Kuntze, Bettina Wind (2024). etece buch.

    Eltern werden. Gedanken über die verrückteste Sache der Welt. Hrg.: Kati Hertzsch (2025).  diogenes tapir.

    Lesben sind die besseren Väter. Regenbogenfamilien als Vorbild für gleichberechtigte Elternschaft. Lisa Bendiek (2025). Nautilus Flugschrift.

    Daily Soap. Nora Osagiobare (2025). Kein&Aber.

    Alles dazwischen, darüber hinaus. Maë Schwinghammer (2024). Haymon.

    In ihrem Haus. Yael van der Wouden (2025). Übersetzt von Stefanie Ochel. Gutkind.

    Muskeln aus Plastik. Kay Matter (2024). Hanser Berlin.

    Verwildern. Douna Loup (2024). Übersetzt von Steven Wyss. Limmat.

    Zu den Sternebewertungen sei einordnend gesagt: Diese sind immer Momentaufnahmen dessen, welche Themen mich im jeweiligen Moment berühren, wie sie sich in meine subjektive Erfahrungswelt einbetten und zu welchem Zeitpunkt mich die Texte treffen. Jede Bewertung kann immer nur eine hoch individuelle und vom Lesemoment beeinflusste eigene Einschätzung sein und soll nichts über einen vermeintlich existenten allgemeinen, objektiven Wert der Bücher aussagen – denn in jedem Buchprojekt steckt eine ganze Welt und das Herz einer oder mehrerer Personen, die es geschrieben und übersetzt hat/haben. Es ist unmöglich, dass alle Lesenden zu jedem Lebensabschnitt und jeder Tagesverfassung Zielgruppe aller Bücher sind.

  • „Daily Soap“

    „Daily Soap“

    Nora Osagiobare hat uns Leser*innen mit ihrem Buch „Daily Soap“ einen bissigen, witzigen, polemischen und zwischen den Zeilen hoch gesellschaftskritischen satirischen Text geschenkt. Der Roman, bei Kein&Aber erschienen, war mir in diesem Jahr ein großes Frühlings-Lesevergnügen, und ich konnte ihn seither diversen anderen Menschen in die Hand drücken und sie ebenfalls für den Text begeistern.

    In „Daily Soap“ geht es um die beinahe inzestuösen Doppelt- und Dreifach-Verstrickungen zwischen zwei Familien bzw. mehreren Romanfiguren, die sehr verschieden und doch auch in Teilen nicht zu unähnlich sind. Dabei ist der Text in Dynamik und Inhalt an die Erzählweise von Reality-TV angelehnt, die Geschichte strotzt vor absurden Wendungen, und Richtig und Falsch treten zugleich bizarr hervor und verschwimmen ineinander – welch Erzähl-Magie! Nicht nur wir als Lesende einer an Reality-TV angelehnten Geschichte, sondern auch die Protagonistin Toni verliert sich dabei nur zu gerne in ihrer „Daily Soap“.

    Trotz der Überspitztheit der Charaktere – viele davon, wie auch wir in der nicht-fiktiven Welt, von Diskriminierung betroffen – erschienen mir die verschiedenen Protagonist*innen an keiner Stelle als unterkomplex gezeichnet und ich empfand eine diebische Freude dabei, die diversen Verstrickungen zwischen den Romanfiguren zu entwirren. Mein Glück, dass ich das Buch zu zweit lesen durfte und in den ersten Seiten von „Daily Soap“ eine, ebenfalls nicht unironische, Zusammenfassung der Romanfiguren aufgelistet ist.

    Auf einer Metaebene sind in meiner Wahrnehmung vor allem die Themen Rassismus, Klassismus, Queerfeindlichkeit und Sexismus diejenigen, die Nora Osagiobare in der Geschichte spielend auseinander nimmt und in ihrer Absurdität vorführt. Für mich stellte das Buch eine Geschichte zum Lachen, Ärgern, Weinen und Staunen dar. Trotz des zynischen Humors, der sich durch die gesamte Geschichte zieht, ist das Buch darin auch sehr ernsthaft – so manches Lachen bleibt einer*m im Halse stecken. In diesem Sinne ist „Daily Soap“ für mich Unterhaltungslektüre; allerdings Unterhaltungslektüre mit Bildungsauftrag, der ganz unerwartet von hinten um die Ecke kommt – ein wahrer Genuss und ein schonungsloser Spiegel, der einer*m damit vorgehalten wird: Hier kommt niemensch allzu gut weg, und das ist im Sinne der Sache auch gut so.

    Im Hinblick auf den Verlauf der Story habe ich insbesondere jene Wendung, die die Geschichte gegen Ende nimmt, nicht kommen sehen. Dieser Teil stellte für mich, neben auch anderen grandiosen Wendungen, eine gelungene Überraschung und, wie ich finde, einen schlauen Zug in der Erzählweise dar, die es lohnend macht, das Buch zu lesen.

    Nicht immer finde ich einen leichten Zugang zu Satire, die mir oft zu überspitzt, zu vereinfacht oder „zu grell“ ist – in dieser Geschichte jedoch war es mir eine herrliche Freude, wie klug und schamlos der Text die Lächerlichkeit der Menschlichkeit und der längst veralteten, und doch weiterhin nicht überholten Machtungleichheiten aufzeigt. Dass Satire so treffend und so erschütternd, und dabei gleichzeitig witzig sein kann, war eine eindrucksvolle Erkenntnis, die diese Geschichte mir geben konnte. Für mich gelang es Nora Osagiobare unfassbar gut, die Dinge, trotz Überspitzung, unglaublich präzise auf den Punkt zu bringen und Sachverhalte ebenso wie menschliche Beziehungen oder gesellschaftliche Strukturen und Verhältnisse genau dort zu treffen, wo es weh tut. Welch ein Genuss.

    Zum Ende meiner Lektüre stelle ich mir vor, wie ich mit der Autorin bei einem Heißgetränk in der Sonne sitze und Neuigkeiten aus der Nachrichtenlandschaft und den alltäglichen Geschehnissen in einer Welt voller Diskriminierung, Ungerechtigkeit, Lächerlichkeiten und Liebe in einem Gespräch austausche, das vor Zynismus nur so trieft. Ich denke, für mich wäre das ein großer Spaß und, neben all der Unerträglichkeit und des damit verbundenen Weltschmerzes zu vielen dieser Verhältnisse, in Teilen sogar heilsam.

    Für mich ist „Daily Soap“ ein mutiges Buch, ein lehrreiches und ein sehr überraschendes Buch. Und vor allem: Ein, trotz all dieser auch drückenden Themen, sehr unterhaltsames Buch.

    Schon nächste Woche liest Nora Osagiobare auf der Lesebühne des Bachmannpreis in Klagenfurt und ich kann kaum erwarten, mehr zu hören und zu lesen!

  • „Verwildern“

    „Verwildern“

    „Verwildern“ von Douna Loup, aus dem Französischen übersetzt von Steven Wyss und mit einer, wie ich finde, wunderschönen Covergestaltung erschienen bei Limmat, war eines meiner überraschenderen Lesevergnügen im vergangenen Sommer 2024. Kaum hätte ich erwartet, dass mich dieser Roman innerlich so still lassen und gleichzeitig ein Fließen in mir anstoßen würde, das mich klarer, aufmerksamer und ruhiger auf meine Umgebung blicken lassen würde.

    Mehrfach wurde das Buch seitdem von mir verborgt und empfohlen, und gerade lese ich das Buch zum zweiten Mal (genau genommen lese ich es, als Audio-Lesung für einen wichtigen Menschen, vor), und so viel sei gesagt: mehrfaches Lesen geschieht bei queergelesen nicht allzu häufig, besagt also nur Gutes über den erfahrenen Lesegenuss. Wie gelingt es der Geschichte, die Douna Loup erzählt, (mich) so zu verzaubern?

    Im Buch begleiten wir ein Mädchen, und später, eine junge Frau auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden, bei der Suche ihres Bruders, beim Versuch des Annäherns und sich Ablösens zur Mutter, beim Entdecken der Welt und vor allem der sie umgebenden Natur und der Liebe, sowie beim Finden ihrer Wurzeln.

    Ich war begeistert von der kraftvollen Sprache, den für mich so schönen Naturbeschreibungen und der Poesie, die sich durch den gesamten Text zieht. In Douna Loups Worten finden sich ein großes Vertrauen ins Leben und eine Weisheit im Blick auf die Geschehnisse des Lebens, die an mancher Stelle zwar mitunter nahezu verklärt empfunden werden könnten, die ich jedoch als weichen und zuversichtlichen Ausflug in eine Welt, in der Vieles gut ist und ohne größeres Stolpern geschehen darf, sehr genoss.

    Verwoben ist im Buch auch eine queere Liebesgeschichte, ohne dass dieser Sachverhalt allerdings besonders explizit besprochen werden würde. Die Geschichte darf sich einfach entspinnen und ist in der Selbstverständlichkeit des Erzählens darüber für mich überraschend und fast heilsam. Auch die beschriebenen Szenen an geteilter Intimität zwischen den jungen Liebenden zeigte in der Uneindeutigkeit – oder eben in der Deutlichkeit jener Uneindeutigkeit – der Geschlechterverhältnisse für mich einen (ent-)spannenden und erfrischend neuen Blick auf geschriebene Sexualität.

    Sinnlichkeit, die findet sich allerdings auch noch an ganz anderer Stelle, nämlich in all den Beschreibungen von Natur und darin, wie diese Natur die Sinne der Protagonistin erreicht und mit ihr – ihrem Wesen, ihrer sinnlichen Wahrnehmung – in Kommunikation geht. Diesen Aspekt mochte ich an vielen Textstellen sehr.

    „Verwildern“ ist ein Buch, das ich im Sommer verorte, weshalb ich es nun, inmitten des Juni, auch hier auf dem Blog zu besprechen plante; das jedoch genauso gut sicherlich jede andere Jahreszeit versüßen oder in ruhigere (Gedanken-)Bahnen lenken und guttun kann.

    Eine Geschichte über das Sich-Selbst-, Andere- und Die-Welt-Entdecken und über das dabei In-Kontakt-Sein mit der umgebenden Natur, dem eigenen Fließen und dem gegenwärtigen Moment. Und ein Buch, das zum Schwelgen und zum Vertrauen in all die Abzweigungen des Lebens als Heranwachsende*r einlädt.

  • „Muskeln aus Plastik“

    „Muskeln aus Plastik“

    „Muskeln aus Plastik“ von Selma Kay Matter, erschienen bei Hanser Berlin, befand sich bereits einige Zeit auf meiner Leseliste und davor mehrfach in Buchhändlungen abwägend in meinen Händen, bevor ich das Buch tatsächlich besorgte und schließlich zu lesen begann – und selbst dann noch brauchte ich ein wenig, bis ich mich ganz auf die Texte einlassen konnte. Als ich mich dann aber eingefunden hatte, konnte ich das Buch nicht mehr weglegen; es hat einige meiner Perspektiven nochmal wild auf den Kopf gestellt, inspiriert und erweitert. Hier will ich davon erzählen.

    Im Buch geht es um Kay und den Versuch eines Zurechtfindens mit Post-Covid (ME/CFS) als chronische Erkrankung und Behinderung, sowie eines Sich-Selbst-Findens in der eigenen Transness und den Einflüssen dieser Verhältnisse auf Freund*innenschaften, Dating, Sex, Fürsorge und die eigenen Bedingungen eines guten Lebens.

    Die ungeschönte, intime Auseinandersetzung mit Schmerz und Erschöpfung sprengte beim Lesen schmerzhaft alle (meine) able-bodied Selbstverständlichkeiten und verhandelt Fragen von Transness, Behinderung, Care, von Freiwilligkeit und Grenzachtung als Privilegien, und vieles mehr. Das alles passiert in einer genre-bending Gestaltung der Texte: Irgendwo zwischen wissenschaftlicher Abhandlung, einem „ich zeig dir mal, was ich Spannendes gelesen/Berührendes erfahren habe“, zwischen Poesie, kurzgeschichtlich und mitunter fiebrig anmutenden Anekdoten und einer den Text durchziehende Storyline. Dabei sind die Texte in ihrem unverstellten Blick auf die Verhältnisse eines Lebens mit chronischer Erkrankung politisch, radikal und wild, und durchzogen von queerer Fürsorge und dem Versuch von queeren Freund*innenschaften, die sich einer Marktlogik von Geben und Nehmen entziehen.

    Je weiter das Buch voranschreitet, desto tiefer wurde ich in den Strudel all dieser Fragen gezogen. Das Buch fesselte mich an seine Seiten, schlug mir gleichzeitig auf den Magen, erzeugte in Folge einige intensive Terrassen-Gespräche und wirkte noch lange in mir nach.

    Dabei wechselt das Buch sprachlich zwischen Deutsch und einzelnen englischen Abschnitten, die in Fußnoten übersetzt werden und hinterließ bei mir das Gefühl, Kay Matter bei einer unfassbar intimen eigenen Auseinandersetzung begleiten zu dürfen – irgendwo zwischen Schmerz, Einsamkeit, Liebe, Frustration, Hoffnung und queer joy.

    Ich konnte neue Perspektiven auf Neid als durch gesellschaftliche Unzumutbarkeiten erzeugt gewinnen, auf Grenzensetzen und Autonomiebestrebungen als able-bodied und maskulin konnotiertes Privileg, das den needs von Personen, die für die basics ihres Überlebens auf Unterstützung angewiesen sind, gegenübersteht, und auf die Angst vor den körperlichen Einschränkungen in der Zeit nach gender-affirming OPs von trans Personen als, bei genauerer Betrachtung, ableistisch – oder mindestens unzumutbar für die einer*m gegenüber sitzende, chronisch kranke Person. Dabei sucht der Text und seine Protagonst*innen mutig immer weiter danach, die Gräben, die zwischen verschiedenen Privilegien, Herausforderungen und Bedürfnissen entstehen können, zu schließen und in Fürsorge füreinander umzuwandeln, ohne dabei beschönigend zu werden.

    Fast poetisch muten die Auseinandersetzungen mit Schmerz als etwas, für das es keine Mitteilungsmöglichkeit oder Sprache gibt, und das darin immer Isolationsgefühle auslöst, an. Auch Fragen rund um Pflegearbeit und die (Un-)Möglichkeit von Freiwilligkeit in diesem Kontext lösten viele weiterführende Gedanken in mir aus: Care Arbeit als zumindest teilweise inhärent unfreiwillig ist demnach fast eine Voraussetzung, damit Pflege für alle zugänglich ist – denn wer von wem freiwillig(e) Fürsorge erhält, hängt ebenfalls an diversen Privilegien. Und all diese Aspekte sind, etwa auch neben einer Auseinandersetzung mit crip time, nur wenige Ausschnitte aus all den Themen, die in diesem kaum über 200-seitigen Buch ihren Platz finden – was für ein Schatz von Lektüre!

    „Muskeln aus Plastik“ hat mich politisiert, mich noch kritischer auf Leistungsgesellschaft, den Umgang mit Behinderung und Schmerz und auf die Bedeutung von care und von (queeren) chosen families blicken lassen. Dieses Buch hat mein bisherigen Lesejahr sehr bereichert. Und besonders schön: Kay wird, wie inzwischen öffentlich ist, auch beim Bachmannpreis 2025 in Klagenfurt weitere Worte von sich mit uns teilen!

  • „Begehren und Widerstand“

    „Begehren und Widerstand“

    Erotisch, politisch, solidarisch: Selten hat mich eine Textsammlung so berührt wie die von Joan Nestle in „Begehren und Widerstand“.

    In den von Johanna Davids, Desz Debrecent, Sabine Fuchs, Anna Kuntze und Bettina Wind im Verlag „etece buch“ übersetzten Texten der in den USA lebenden Autorin taucht Joan in Fragen zu Queerness, ihrer jüdischer Identität, zu ihrer Beteiligung in der Schwarzen Bürger*innenrechtsbewegung, ihrer Zugehörigkeit zur Working-Class und dem, auch davon geprägten, Verhältnis zu ihrer Mutter bishin zu erotischen Erzählungen zu lesbischer Sexualität tief in ihre Lebensgeschichte ein. Dabei sind Joan Nestles Texte auch ein Stück Geschichte des queeren und linken Widerstands und der intersektionalen Solidarität.

    So viel vorweg: Ich durfte mit Joan Nestles „Begehren und Widerstand“ in mein Lesejahr 2025 starten, und ihre Erzählungen, in dieser großartigen Übersetzung, sind seither unangefochten in meinem Stapel an liebsten Büchern zu finden. Was lässt sich zu dieser beeindruckenden Textsammlung und der Autorin selbst sagen? Dieser Blogbeitrag soll einen Einblick geben.

    Joan Nestle wurde 1940 in New York City als Tochter einer jüdischen Frau aus der Arbeiter*innenklasse geboren, bezeichnet sich selbst als Fem und verbrachte schon in jungen Jahren viel Zeit in politischen Bewegungen, queeren Bars und in den Armen queerer Frauen. Als Mitbegründerin des Lesbian Herstory Archives leistet(e) sie einen wichtigen Beitrag zur Archivierung queerer Geschichte – und schenkt uns in diesem Buch einen Einblick in ihre eigene Geschichte, in der sie als Zeugin etwa der Vorkommnisse und polizeilichen Schikanen in den 60er Jahren in den queeren Bars von New York City queeren Widerstand sprachlich festhält.

    Indem in Joan Nestles Texten sichtbar wird, dass – natürlich – auch in vorangegangenen Generationen queere trans- und sex-work-inklusive, sowie antirassitische, und damit intersektionale Kämpfe gemeinsam beschritten wurden, entstand für mich eine Ermutigung auch für aktuelle politische Kämpfe. Joan Nestle vermochte mir in diesen Texten das Erkennen der Kontinuität von queeren und linken Widerstandskämpfen, ihrer historischen Verankerung und Kontextualisierung und damit einer Stärkung meiner eigenen Zugehörigkeit zu politischen Bewegungen zu geben. Insbesondere in einer Historie der Auslöschung queerer Geschichten und eines daraus entstanden Mangels an Sichtbarkeit von queeren Ahn*innen sind die Texte von Joan Nestle genau das, was oft so schmerzhaft zu vermissen ist und was nun, mit diesem Buch in Händen, ein Stück weniger schmerzhaft vermisst werden muss.

    Dabei tippt Joan zahlreiche Fragen an und scheut auch vor komplex verstrickten Themenfeldern mit ihren klugen Einordnungen nicht zurück. Besonders bewegt haben mich Joans Auseinandersetzungen etwa zu Butch-Fem-Beziehungen, zur Schwesternschaft zwischen lesbischen Personen und Sexarbeiter*innen, oder auch zum Spannungsfeld, das zwischen queeren akademischen Diskursen einerseits und dem gleichzeitigen Anspruch von Inklusivität sowie Sichtbarkeit von Menschen und Lebensrealitäten, die mitunter auch mit existentielleren Fragen als beispielsweise jenen von Sprachlichkeit beschäftigt sind oder die sich weniger in Sphären von formaler Bildungsnähe aufhalten, andererseits, entsteht.

    Unbeirrbar sucht Joan Nestle in ihren Texten Wege der Empathie, der politischen Kontextualisierung, des Widerstands und der Solidarität in all diesen Aspekten menschlicher Beziehungen und gesellschaftlicher Verhältnisse. Das hat mich tief beeindruckt.

    Dass in Joan Nestles Worten dabei lesbische Sexualität, neben auch anderen Themen, den Raum bekommt, den sie verdient, schätze ich an der Auswahl der Erzählungen und an Joans Auseinandersetzungen sehr und verleiht den Texten einige Stellen voller sinnlicher, fast poetischer Sprache. Teil dieser Textstellen sind vor allem erotische Erzählungen von Joan zu lesbischen Begegnungen, von denen eine sprachliche Leuchtkraft ausgeht, die die leidenschaftliche Lebendigkeit gelebter queerer Sexualität fast körperlich spürbar macht.

    Joan Nestle verpasst in all ihrem politischen Positioniert-Sein nicht, in flammenden Plädoyers auch eine Einladung für das Nachkommen junger Stimmen und das Aufrechterhalten von linken Widerstandskämpfen auszusprechen und damit diese Kämpfe sich in weitere Generationen fortführen zu lassen. Ein, auch selbstkritischer, Blick auf die stetige Notwendigkeit der Weiterentwicklung emanzipatorischer Ideen ist dabei Teil ihrer Haltung. Eben dieses Abstandnehmen von einer Selbstgerechtigkeit den eigenen politischen Überzeugungen gegenüber empfand ich als sehr anregend in diesen aktuell so aufgeladenen Zeiten und lassen mich in großer Bewunderung für Joan Nestle zurück.

    Nicht zuletzt hat mir Joan Nestle in ihren Texten, die mit ihren Positionen nach wie vor aktuelle Diskurse mit ihren von Empathie getragenen Einordnungen berührt, nachdrücklich die Bedeutung von Gemeinschaft vor Augen geführt und mich nachspüren lassen, wie bedeutungsvoll die Verbundenheit mit queeren Vorfahr*innen und die Solidarität mit politischen Mitkämpfer*innen im Jetzt ist. Joan Nestles Erzählungen sind in diesem Sinne ein kostbares Geschenk zwischen lesbischem, linkem Empowerment und politischem Aktivismus.

  • Lesen als queere Praxis?

    Lesen als queere Praxis?

    Sprache vernetzt Menschen und eröffnet Möglichkeiten, um neue Perspektiven einzunehmen, Gedankenschlösser zu bauen und das vermeintlich natürlich Gegebene zu dekonstruieren. Literatur kann inspirieren, ablenken, bereichern, sensibilisieren, zum Spüren anregen.

    Für meinen persönlichen Weg war Literatur ein zentraler Teil meiner Politisierung, schon seit meiner Jugend. Viele schemenhaft in mir bereits aufblitzende Gedanken und Begehren wagte ich erst dann zu Ende zu denken oder zu fühlen, als ich es aus jemensch anderes Feder gelesen und dort wiedergefunden hatte. Auch für eine Selbstverortung in puncto Queerness tat Literatur für mich ihren Beitrag und war stets wichtige Begleiterin in Zeiten der (Selbst-)Entdeckung.

    Von besonderer Bedeutung ist für mich die Fähigkeit der Literatur, Sichtbarkeit herzustellen. Sichtbarkeit von marginalisierten oder von als Abweichungen markierten Lebensrealitäten und/oder Personen(-gruppen), von vergessenen, minderrepräsentierten oder unterschätzten Perspektiven oder von historischen Kontexten.

    Wissend, dass Literatur nicht für alle zugänglich und damit nur begrenzt ein Beitrag für ein gutes Zusammenleben für alle sein kann, ist sie gleichzeitig für mich ganz klar ein Werkzeug zur Befreiung, zur Bildung, zur Politisierung, für Inspiration und zur lustvollen Hingabe. Hier entstanden und entstehen für mich Räume des, mitunter auch schmerzhaften, Herausgefordert-Werdens und des Lernens ebenso wie Schonräume, die mich stärken und aufrichten, meinen Blick weiten oder neu ausrichten. Damit ist für mich Literatur (auch) queere Praxis.

    Und wie genau dieser Prozess für mich funktioniert, wo er mich bereichert, bewegt oder stolpern lässt, soll durch das Blog-Projekt hier, durch queergelesen, dokumentiert und geteilt werden.

    Auf ein intentionales, lustvolles und widerständiges Lesen!