„Fassaden“

Vielmehr, als dass ich den Plot von „Fassaden“ beschreiben kann, habe ich ein klares Gefühl zur Romanwelt, den Charakteren und dem Leseerlebnis, wenn ich die Seiten aufschlage. Ich bekam die Geschichte nämlich – auf eine gute Art – nicht ganz zu fassen, und konnte genau das lesend genießen. Eine bloße Inhaltsbeschreibung fällt mir deshalb gar nicht so leicht, weil ich mein Lesen im Roman in erster Linie als atmosphärisch, mäandernd, vielleicht fast fragmentiert und trotzdem als so tragend wahrgenommen habe.

„Fassaden“ ist in meiner Lesart feministisch und queer, auch jüdische Geschichte wird mit verwoben, der Roman betrachtet Beziehungen und verbindet verschiedene Frauenbiografien, auch unterschiedlicher Zeiten, über die räumliche Komponente einer Wohnung/Fassade bzw. eines Stadtteils in Paris. Eine große Rolle dabei spielen Themen wie Kinderwunsch, Begehren und Psychoanalyse; in Teilen kann mensch die Protagonistinnen auch bei einer theoretischen Auseinandersetzung mit den Werken der großen Figuren jener Disziplin beobachten, die sicher, so glaube ich, umso mehr Spaß macht, je genauer mensch sich in den Gefilden der Psychoanalyse zurechtfindet, jedoch für die Geschichte auch funktioniert, wenn mensch ohne Vorwissen liest. Die sprachlichen Bilder und auch sonst die ganze Wortgewalt des Romans waren für mich besonders einprägsam, Stimmungen etwa rund um Jahreszeiten wurden regelrecht spürbar. Den Roman empfinde ich persönlich als große Erzähl- und vor allem Sprachkunst.

Die Figuren im Buch widmen sich an vielen Stellen den großen Fragen des Menschseins; Fragen zum Sinn, zum Glück und Leiden des Lebens. Für mich bricht die Geschichte dabei diese die großen Fragen herunter, und entlarvt darin, wie groß und existentiell Fragen dieser Art sich einer*m aufdrängen können, wie individuell sie einer*m dabei vorkommen – und wie sehr sie dabei dann doch auch einfach typisch menschliche Erfahrung und darin ein Stück weit mitnichten so besonders sind, wie es sich manchmal anfühlt. Darin fand sich für mich eine Tröstlichkeit und die Möglichkeit eines Sich-Selbst-Widerspiegelns, die ich während des Lesens sehr schätzte.

Auch sonst konnte ich mich in vielem erkennen: All die mutigen Fragen und so existentiell anmutenden Themen, denen sich die Protagonistinnen stellen, und die eingebettet werden in eine feministische Perspektive oder psychoanalytische Einordnung, das genoss ich sehr. Unter den, feministischen und/oder queeren Protagonistinnen konnte ich immer wieder ähnliche Blickwinkel und geteilte Wahrnehmungen erkennen. Ich empfand es als heilsam, Aspekte meiner Lebensrealität und Weltsicht so selbstverständlich im Buch repräsentiert zu sehen, und so bot sich mir an vielen Stellen ein wohliges Identifikationspotential an.

Mein Lieblings-Charakter war dabei wohl Clémentine mir ihrer mutigen Lust zum feministischen Widerstand und ihrer Suche nach dem, was für ihr Leben stimmig ist. Anna, eine der Protagonistinnen, denkt treffend über sie: „Ich bekomme sie nicht zu fassen, sie ist einfach nur sie selbst, das aber sehr gründlich.“ (Fassaden, S. 100) Clémentine macht sich, gleich wie Anna, viele Gedanken über sich, so liest man im Buch über sie etwa: „Sie bezeichnet sich selbst als queer, weiß aber nicht, ob sie tatsächlich auf Frauen steht oder das nur glaubt, weil sie zu viel Pornografie aus der heterosexuell-männlichen Perspektive gesehen und somit gelernt hat, Frauen zu begehren. Wie würde, fragt sie, unsere Sexualität ohne den männlichen Blick aussehen?” (Fassaden, S. 23) und vertreibt sich die Zeit mit den, zumindest für manche von uns, guten Dingen des Lebens: „Er arbeitet so viel, sagt sie, aber ich bin den ganzen Tag zu Hause, schreibe Gedichte und masturbiere.” (Fassaden, S. 51)

Lauren Elkin bzw. für die Übersetzung auch Eva Bonné finden zudem im Roman so unfassbar starke, feine, jedenfalls passende Worte auch für die intimen Momente zwischen den Charakteren und die Sexualität, die in der Geschichte geschieht. Dabei entsteht eine, für mich, sehr körperliche, sinnliche Sprache, die mich sehr beeindruckt hat und mir noch lange in Erinnerung geblieben ist.

Besonders berührt hat mich, wie die fließenden Übergänge und feinen Nuancen zwischen Frauen-Freund*innenschaften und lesbischem Begehren erzählt wurden und wie fein auch sonst auf menschliche Beziehungen geblickt wird. Der Roman erlaubt sich, die Protagonistinnen auch in ihrer Schwere, ihren Zweifeln und ihrem Hadern zu zeigen, sie in all ihrer, auch unerfüllten, Sehnsucht darzustellen. Auch das fand ich tröstlich und heilsam. Immer wieder dreht es sich dabei um – sozial erwünschtes, ebenso wie unerwünschtes – Begehren, hier etwa von der im Erzählstrang historisch vorgereihten Protagonistin Florence: “Mit Max erschaffe ich etwas Neues, ein neues Land außerhalb der staatlich geprüften Beziehung, gleichzeitig ist das, was wir tun, sehr alt, die ehebrecherische Affäre; wir beide entfliehen dem offiziellen Behältnis der Ehe, das manchmal zu klein ist für alles, was wir sind und fühlen.” (Fassaden, S. 259)

Folgend daraus, dass im Buch über die Generationen bzw. Zeiten hinweg die Leben der verschiedenen Frauenfiguren miteinander verwoben wurden, würde ich die Geschichte gerne auch eines Tages nochmal lesen, jetzt, wo ich die im Laufe der Geschichte entlüfteten Verstrickungen der Protagonist*innen (ihrer verschiedenen Liebhaber*innen, Wohnorte, der Generationen-Verbindungen) kenne, und glaube, der Roman hätte damit auch bei einer zweiten Lektüre eine spannende Spurensuche für mich zu bieten.

Auch beim ersten Mal schon jedenfalls, wie unschwer zu erkennen sein wird, hat mich die Lektüre von „Fassaden“ in ihren Bann gezogen: Ich war um den Umfang dieser Geschichte mit ihren über 450 Seiten sehr dankbar, weil ich diese Romanwelt am liebsten nicht mehr verlassen wollte.

Was für ein kluges Buch, wie grandios übersetzt! Für mein Empfinden ganz große Literatur – und ein Buch, das mir ein Zuhause sein kann.

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